Supernova – damals und heute?

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Alle Jahre wieder erbaut sich das Abendland an der Weihnachtsgeschichte. Mit einfachen, konsistenten Geschichten versuchen wir, die wüste und ambivalente Welt, die unsere Theodizees immer wieder auf eine harte Probe stellt, für einen Moment zu vergessen. Das im engeren Sinne zur Weihnachtsgeschichte zählende Lukasevangelium (Lk. 2,1 – 20) lässt freilich zu viele Fragen offen, sodass gängige Lesarten die Geschichte um zahlreiche biblische Textmotive anreichern. Eine zentrale Metapher findet sich im Stern von Betlehem, jener Stern über den heutigen Palästinensischen Autonomiegebieten im Westjordanland, dessen Erscheinung bereits im alten Testament prophezeit wird (vgl. 4. Mose, 24, 17) und über die zumindest nach dem Matthäusevangelium Einigkeit herrscht (Mt. 2,9).

Alljährlich fasziniert der Stern auch die Hobbyastronomen und –astrologen unter uns, ist dessen Erscheinung doch bis zum heutigen Tage wissenschaftlich nicht hinreichend geklärt (vgl. Hansen 2009). So lässt diese Himmelserscheinung Raum für zahlreiche Spekulationen. Man hielt den Stern schon für den Halley’schen Kometen (vgl. Giotto di Bondones Fresko „Anbetung der heiligen drei Könige“), Kepler hielt ihn für den Ausdruck einer große Planetenkonjunktion. Für den noch stark von antiker Mystik beeinflussten Astronomen stellte der Stern eine Novaerscheinung dar (vgl. Kepler 1938/1606).

Kepler Drawing of SN 1604
Kepler Drawing of SN 1604“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Viele Jahrhunderte später kam die wegen ihres esoterischen Anklangs vorsichtig rezipierte Mutmaßung auf, dass Kepler eine nicht mit regulären Novae in Zusammenhang stehende Supernova gemeint haben mag (vgl. Papke 1999). Jene Erscheinung, die manch massereicher Stern kurz vor Ende seiner Lebenszeit annimmt, ein grelles Aufleuchten vor seinem endgültigen Ableben, und die nichts zurück lässt als winzige Neutronensterne und schwarze Löcher (vgl. Janka/Müller 2001).

Nun bleiben Theorien bezüglich dieser Erscheinung bis zu deren letztendlicher Klärung natürlich nichts als Spekulation. Spekulationen in Fachbereichen von solch unergründlicher Faszination wie der Astronomie werden im schlimmsten Fall dereinst der Lächerlichkeit preisgegeben und durch gute wissenschaftliche Praxis fortwährend korrigiert. Eine andere Art von Spekulation kommt oftmals weniger glimpflich davon und scheint dabei nicht einmal einen Lerneffekt auszulösen: Die Spekulation auf Finanzmärkten. So verlockend es wäre, im komplexen, fremden Fachbereich der Astronomie zu wildern, so dringlich erscheint der Blick auf irdische Sphären.

Wenn wir auf das Jahr 2014 zurückblicken, sehen wir sicher so Einiges sternhell leuchten. Der Sterne sehen wir inzwischen sogar schon vier. Aber wir sehen auch etwas, das höher steigt, als der Stern von Bethlehem und das sind Leitindizes an Börsen. Auf der einen Seite ermahnen uns die schwarze Null und die ermüdende Austeritätsrhetorik der Regierung zum Sparen, während die EZB jedwede Sparbestrebungen des Bürgers mit Feuer, Schwert und Leitzinssenkungen bekämpft und ein Paradies für Zocker und Schuldenmacher aufrechterhält.

Freilich sind aktuelle Parallelen zur Weihnachtsgeschichte denkbar inkongruent. Je nach Zeitrechnung Plus Minus Zweitausend Jahre dessen, was man menschliche Evolution nennt, liegen dazwischen. Aber machen wir uns nichts daraus, zwischen dem Sichtbarwerden einer Supernova auf unserem blauen Planeten und dem tatsächlichen Ereignis können gar Millionen (Licht)jahre liegen.

Setzten die heiligen drei Könige noch auf handfeste, realwirtschaftliche Werte wie Gold, so ist der Goldpreis nun den Launen des Finanzmarktes ausgesetzt. Enteignung von Sparern und Vergemeinschaftung von Schulden geben dem Stern der Finanzmärkte mitunter sogar einen leicht- bis tiefrötlichen Touch.

Als finanzspritzenschwingende Drogendealer vernebeln Zentralbanken Erwartungen an die Heilskräfte des Finanzmarktes und gewiss auch mittelfristig Denken und Handeln der EU-Bürger auf eine Art und Weise, wie sie selbst Überdosen an Weihrauch und Myrrhe nicht zustandebrächten. Nachdrücklich werden Leitzinssätze gesenkt, damit Finanzmärkte aufgeblasen und Kurse in die Höhe getrieben, die immer kürzer werdenden Wirkungen der Leitzinssenkungen durch abermalige Leitzinssenkungen übertönt.

Stieß sich der Dax über zehn Jahre lang stets an der 8000er Marke, worauf im Jahr 2000 die Dotcomblase platzte, 2007 die Weltfinanzkrise folgte und 2012 die in perverser Irreführung als Staatsschuldenkrise betitelte Finanzmarktschuldenkrise ihren Lauf nahm, fluktuiert der Kurs seitdem fröhlich in weit höheren Sphären und überschreitet je nach Anlegerlaune auch gelegentlich schon mal die 10000. Aktuelle Jahresendrallye inklusive.

Dass dies in keiner Relation zur realwirtschaftlichen Entwicklung steht und ausschließlich durch die weltweite, auch von Super Mario unterstützte, Politik des billigen Geldes zustandekommt, scheint ebenso wenig zu stören, wie es die Warnsignale 1929  taten: “Wunschbilder, übertriebene Hoffnungen und Optimismus” (Galbraith 2012/1953, S.33 ff.) leiten Anlegergemeinde und wirtschaftspolitische Kultur, dem “goldenen Kalb” (ebd., S.35) der Finanzmärkte wird derweil zur Weihnachtszeit besonders gehuldigt. In dem Moment, in dem diese Zeilen geschrieben wurden, am 23.12.2014, notiert der Dax seit seiner Rallye seit Mitte des Monats wieder im Bereich der 9900. Tagesgewinnerin scheint die Lufthansa – schnöde realwirtschaftliche Entwicklungen, wie der Streit um Kerosinzuschläge (vgl. dpa-AFX in: FAZ, 23.12.2014) hin oder her.

Das Wort Finanzblase schien zuletzt 2007 salonfähig zu sein, wie üblich sieht man in inmitten der Blase selbige nicht. Hat man 1720 (Südseeblase), 1929 und in den sich immer stärker verdichtenden Blasen der des aktuellen Jahrhunderts (siehe oben) ja auch nicht. So hell wie die Supernova leuchtet, so schnell ist sie auch wieder vergessen und man harret der nächsten. Es entsteht der Eindruck, als wolle man die Supernovatheorie metaphorisch wahr werden lassen.

Grell genug, jeden Ansatz von Vernunft zu verblenden ist der Stern bereits. Aber noch nicht grell genug, ihn nicht weiter anzubeten und zu befeuern. Er ist noch keine Supernova, wir wollen aber offensichtlich eine solche. Nun, da wir im Gegensatz zu den heiligen drei Königen wissen, dass es Supernovae gibt und uns natürlich freuen würden, wenn wir endlich einen stichhaltigen Beleg für das Supernovadasein des Sternes von Bethlehem hätten, geben wir uns alles Mühe, eine solche heraufzubeschwören. Der Mensch strebt schließlich nach Sinn und Ordnung. Schade nur, dass der Stern als Supernova nun einmal  tot oder kurz davor ist und die Führungskraft eines totgeweihten Objektes doch eine eher Anzuzweifelnde ist.

Nicht einmal ist zu erwarten, dass uns der Stern zu einer neuen Gottheit führen wird, denn „der neoliberale Marktradikalismus […] legt [zwar] alle Betonung auf das Heil, das im finanziellen Gewinn liegt, vermeidet aber alle verbindlichen Festlegungen bezüglich des Wie.“ (Deutschmann 2003, S. 173). Aber wenigstens führt er uns zu so manchem Ochs‘ und Esel, der auch glauben mag, der Wert der auf Finanzmärkten gehandelten Transaktionen in EUR oder USD möge dereinst die Anzahl der Quarks im Universum übersteigen.

Das ist doch schon einmal ein Anfang und schließlich wollen wir lernen, uns auch mit weniger zufrieden zu geben, gerade jetzt in der Weihnachtszeit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erleuchtendes Lichterfest und ein spannendes neues Jahr.

Literaturverzeichnis:

Deutschmann, Christoph (2003): Die Verheißung absoluten Reichtums: Kapitalismus als Religion? In: Baecker, Dirk (Hrsg.): Kapitalismus als Religion. Berlin.

Galbraith, John K. (2012): Der grosse Crash 1929. Ursachen, Verlauf, Folgen. [zuerst 1953]. München.

Hansen, Rahlf (2010): Kepler und der Stern von Bethlehem. In: Sterne und Weltraum. 01/10. Mannheim u.a., S. 42-47.

Janka, Hans-Thomas and Müller, Ewald (2001): Wenn Sterne explodieren: Die Theorie von Supernovae. In: Physik in unserer Zeit. 09/01. Garching, S. 202-211.

Kepler, Johannes (1938): De Stella Nova. [zuerst 1606]. In: Caspar, Max: Gesammelte Werke Band I. München.

Papke, Werner (1999): Das Zeichen des Messias. In: Biblischer Botschafter. 12/99. Denzlingen,  S. 1-16.

Steinrücken, Burkard (2003): Der Stern von Bethlehem. In: Astronomie + Raumfahrt im Unterricht. 6/03. Seelze, S. 32-36.

 

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